2.484 m über dem Meer
Der Schäumende
Die Kelten nannten das Wasser en. Die Römer machten daraus Aenus - den Schäumenden. Beides steckt bis heute im Namen des Flusses und im Namen unseres Viertels.
Der Inn entspringt beim Lunghinpass oberhalb von Maloja, auf 2.484 Metern, an einer der wenigen Stellen Europas, an denen drei Wassereinzugsgebiete aneinanderstoßen. Was bei uns unter der Brücke durchzieht, war ein paar Tage vorher noch Schnee im Engadin.
Das sieht man dem Wasser an. Die milchig-türkise Farbe, die im Sommer an der Innpromenade steht, ist Gesteinsmehl: feinster Abrieb aus den Alpen, den der Fluss in der Schwebe hält. Und es erklärt seinen Rhythmus. Ein Alpenfluss führt Hochwasser, wenn oben der Schnee geht - im Juni, nicht im November. Im Winter, wenn das Wasser in den Bergen gefroren ist, wird er still.
Er bringt auch blinde Passagiere mit. Alpenpflanzen, die weiter oben ausgerissen wurden, stranden auf den Schotterbänken des Unteren Inn und wachsen dort weiter, hunderte Kilometer von zu Hause entfernt. Botaniker nennen sie Alpenschwemmlinge. Sie sind der lebende Beweis, dass ein Fluss nicht nur Wasser transportiert, sondern eine ganze Landschaft.
517 Kilometer
Von Maloja nach Passau
Der Inn fällt auf seinem Weg fast zweieinhalb Kilometer ab - und den größten Teil davon gleich am Anfang. Ab dem Tiroler Inntal wird er ein anderer Fluss: breit, schwer, gewaltig. Braunau liegt weit unten, auf rund 350 Metern, wo er längst alles mitführt, was Tirol, Bayern und die Salzach ihm gegeben haben.
Längsprofil, schematisch. Der Inn verliert die Hälfte seiner Höhe auf dem ersten Zehntel des Weges.
In Passau passiert dann das, worauf man hier gerne hinweist: Im Jahresmittel bringt der Inn rund fünf Prozent mehr Wasser mit als die Donau, in die er mündet. Ganz gerecht ist der Vergleich nicht - der Inn verdankt seinen Vorsprung den Schmelzhochwässern, während die Donau von Oktober bis April die verlässlichere ist. Aber im Sommer, wenn man von oben auf den Zusammenfluss schaut, ist es keine Frage, wer wen aufnimmt.
1779
Aus einem Fluss wird eine Grenze
Jahrhundertelang war der Inn kein Rand, sondern eine Mitte. Braunau lag bayerisch am bayerischen Ufer, Simbach ebenso, und das Wasser dazwischen war das, was beide Orte verband: Wasserstraße, Antrieb, Arbeit. Schon 1260 verlegten die herzoglichen Beamten ihren Sitz von Ranshofen nach Braunau - hinter die Stadtmauer, ans Wasser.
Im Mai 1779 endete das mit einem Federstrich. Im Frieden von Teschen fiel das Land zwischen Donau, Inn und Salzach an Österreich. Es bekam einen neuen Namen - Innviertel - und Oberösterreich seine bis heute gültigen Grenzen. Braunau war über Nacht keine Stadt mehr mitten in einer Region, sondern eine Stadt an deren Rand.
Der Fluss hat sich nicht bewegt. Bewegt hat sich, was er bedeutet.
Seither läuft mitten durch das Wasser eine Staatsgrenze - und Braunau und Simbach führen eine der eigentümlichsten Nachbarschaften des Kontinents: zwei Städte, die einander aus dem Fenster zuwinken können und trotzdem in verschiedenen Ländern liegen.
Rund zehn Tage nach Passau
Salz, Wein und Schiffszüge
Bevor der Inn Strom lieferte, lieferte er Fracht. Auf flachen Booten ging es mit der Strömung talwärts - Salz vor allem, dazu Wein, Käse, Schmalz und Bier. Von Hall in Tirol bis Passau brauchte ein Zug rund zehn Tage.
Der Weg zurück war die eigentliche Leistung. Die leeren Schiffe wurden von Pferden am Ufer flussaufwärts gezogen, Treppelweg um Treppelweg, gegen die Strömung eines Alpenflusses. An dieser Arbeit hing eine ganze Berufswelt: Schiffsleute, Rosslenker, Wirte, Lagerhalter. Braunau lebte mit davon.
Mit der Eisenbahn war es im 19. Jahrhundert vorbei. Was von der Innschifffahrt blieb, sind Ortsnamen, ein paar Stiche - und die Erkenntnis, dass dieser Fluss einmal die Hauptverkehrsader der Region war.
Jänner 1880
Eis, Feuer, Sprengung
Die Brücke zwischen Braunau und Simbach ist die Stelle, an der sich die Geschichte dieses Flusses am besten ablesen lässt - weil sie so oft kaputt war.
1380 nahm sie der große Stadtbrand von Braunau mit; sie war aus Holz. Im Jänner 1880 riss ein Eisstoß einen Teil ihrer Nachfolgerin weg: Treibeis, das sich staut, bis es die Pfeiler wegdrückt - die typische Winterkatastrophe eines Flusses, der aus den Bergen kommt. Daraufhin bauten die österreichische und die bayerische Regierung gemeinsam, von 1892 bis 1894, eine eiserne Brücke auf gemauerten Pfeilern.
Sie hielt gut fünfzig Jahre. Am 1. Mai 1945 sprengte sie die Wehrmacht. Vier Jahre lang war die Verbindung eine Pontonbrücke; erst 1950 stand wieder eine feste. Diese 272 Meter fahren wir heute noch.
Und der Fluss erinnert regelmäßig daran, wer hier zuerst da war. Im Juni 2013 stand Passau so hoch unter Wasser wie seit Jahrhunderten nicht mehr.
1939 – 1942
Der Fluss wird Strom
1938 begann in Ranshofen der Bau einer Aluminiumhütte. Aluminium braucht enorm viel Strom, das Werk war für die Rüstungswirtschaft des NS-Regimes gedacht, und den Strom sollte der Inn liefern. Die Innwerk AG bekam den Auftrag, das Gefälle vor der Haustür in Energie zu verwandeln.
Von 1939 bis 1942 entstand das Kraftwerk Ering-Frauenstein; am 31. Oktober 1942 lief die erste Maschine an. Egglfing-Obernberg folgte. Braunau-Simbach wurde 1942 begonnen, kriegsbedingt eingestellt und erst in den Fünfzigerjahren fertig. Am Ende standen vier Laufkraftwerke - und aus dem letzten großen fließenden Abschnitt war eine Kette von Stauseen geworden, 24,6 Kilometer lang.
Bau ab 1942, unterbrochen
das erste der Kette
zuletzt, kurz vor Passau
Die vier Laufkraftwerke am Unteren Inn in Fließrichtung, mit dem Jahr der Inbetriebnahme. Ering-Frauenstein war das erste.
Das war das Ende des Wildflusses. Wer heute vom Damm auf die stehende, spiegelglatte Fläche schaut, sieht nicht mehr, was ein Alpenfluss eigentlich tut: Schotter umlagern, Arme verlegen, Bänke aufwerfen und wieder abtragen.
seit 1983
Was die Stauseen nicht verhindern konnten
Und dann kam etwas dazwischen, das niemand geplant hatte.
Im stehenden Wasser setzt sich ab, was der Fluss aus den Alpen mitbringt. Aus dem Schlick wurden Flächen, aus den Flächen Inseln, auf den Inseln wuchs Auwald. Flachwasser, Röhricht, Schlammbänke - genau die Lebensräume, die der regulierte Fluss anderswo verloren hatte, entstanden hinter den Kraftwerksdämmen neu.
Heute ist der Untere Inn eines der wichtigsten Wasservogelgebiete des mitteleuropäischen Binnenlands. 296 Vogelarten wurden hier gezählt. Seit 1983 ist das Gebiet als Ramsar-Feuchtgebiet geschützt, rund 5.500 Hektar grenzüberschreitend - etwa 3.500 auf bayerischer, 2.000 auf österreichischer Seite. Der Rat für Vogelschutz hat ihm den Titel Europareservat verliehen.
Querschnitt, schematisch: Was sich im Stauraum absetzt, wird zur Insel - und die Insel zum Brut- und Rastplatz.
Es ist eine der eigenartigsten Pointen dieser Landschaft. Der Fluss wurde eingedeicht, gestaut und in Turbinen geschickt - und hat sich, ohne jemanden um Erlaubnis zu fragen, dahinter ein neues Reich gebaut.